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Politische Eliten in Deutschland: Eine Übersicht
6 min 2025-08-03

Die Unterteilung der politischen Klasse

Der Begriff „Elite“ ist in politischen Debatten häufig negativ konnotiert, dabei beschreibt er zunächst nur jene Gruppen, die einen besonderen Einfluss auf die politische Ordnung haben. Dazu zählt vor allem die direkte und indirekte Einwirkung auf Entscheidungsprozesse. Dieser Einfluss kann auch demokratisch legitimiert sein. Wie lässt sich diese politische Klasse genauer unterteilen?

Meinhard Miegel versucht in seinem Essay „Nachdenken über Eliten“, veröffentlicht in „Die politische Klasse in Deutschland“ (1992, S. 66–78), diese Klasse durch drei Untergruppen zu definieren. Die folgende Untergliederung bezieht sich maßgeblich auf Miegels Veröffentlichung, die natürlich nicht die einzige gültige Perspektive darstellt. Bei Anregungen kann das Formular unter dem Artikel genutzt werden, um Verbesserungsideen einzureichen.

Herkunftselite

Hierzu zählen im Regelfall Nachfahren von Personen, die zuvor dem einflussreicheren Teil der Stellungs- oder Leistungselite angehörten. Konkret handelt es sich um prominente Persönlichkeiten. Ihr Familienname genießt ein gewisses Ansehen und Popularität, oft einhergehend mit gehobenem Vermögen. Dazu zählen beispielsweise Erben großer Familienunternehmen oder Kinder prominenter Persönlichkeiten.

Ihr Einfluss auf die Gesellschaft ist enorm. Von der Boulevardpresse über Talkshows bis hin zu Vereins-, Museums- und Universitätsveranstaltungen bieten ihnen eine Bühne, um sich in den öffentlichen Diskurs einzubringen. Auch mit Spenden an Parteien und anderen politisch agierenden Organisationen werden Schwerpunkte gesetzt.

Stellungselite

Bei Angehörigen der Stellungselite ist die Stellung wichtiger als die Person. Dazu zählen Minister, Vorstandsvorsitzende großer Unternehmen, Pressesprecher von Instituten und Gewerkschaften, Universitätsprofessoren, Landgerichtspräsidenten oder Ähnliches. Ihr Einfluss auf das politische Geschehen entsteht nicht durch die Person selbst oder durch ihre Aussagen, sondern allein durch die Stellung. So bleibt jener Einfluss häufig fest an die Stellung gekoppelt. Die Amtsträger sind austauschbar, denn die Stellung verleiht die Autorität, politischen Einfluss auszuüben.

Das bringt jedoch auch Probleme mit sich. Stellungen in Organisationen sind durch Vorschriften, Gesetze und Normen eingeengt. Personen, die eine solche Stellung innehaben wollen, müssen sich diesen Vorgaben dauerhaft unterwerfen oder anpassen. Das führt häufig zu einem Verlust an Innovationskraft. Ihre Aufgabe besteht nicht im Vordenken, sondern im Umsetzen und möglichst konfliktfreien Präsentieren von Innovationen. Erhebliche Arbeit fließt auch in die ständige Sicherung der Stellung, weswegen eine zu starke Entfremdung von der Organisation sowie das eigenmächtige Ergreifen von Initiativen eine Gefahr darstellen würde.

Politischer Einfluss wird durch die Verwirklichung von Ideen sowie durch Berichterstattungen, Talkrunden und Interviews, die thematisch mit der Organisation in Verbindung stehen, ausgeübt.

Leistungselite

Die Leistungselite prägt die Politik maßgeblich durch ihre Leistungen. Zu ihr zählen Philosophen (Vordenker), Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler. In manchen Fällen wird der Einfluss erst nach dem Tod erkannt oder er tritt gar ein.

Dabei ist es nicht relevant, welchen Ausbildungsgrad eine Person hat. Vielmehr zieht sich ein roter Faden durch alle Tätigkeiten. Es gibt Personen, die ihre Arbeit so ausführen, wie sie es gelernt haben, und solche, die bestehende Konzepte überdenken, weiterentwickeln oder überwinden. Letztere schaffen dadurch gesellschaftliche Veränderung, ob positiv oder negativ für die Gemeinschaft. Diese Veränderung durch Innovation kann im Labor von Börsenunternehmen, in improvisierten Werkstätten von Tüftlern, Aktivisten oder Künstlern oder an vielen anderen Orten stattfinden. Wer neue Ideen, Technologien, Narrative oder Strukturen schafft, verändert den Möglichkeitsraum politischer Prozesse.

Gerade weil dieser Teil der politischen Klasse zwar elementar, aber schwer greifbar ist, weil er weder wählbar noch anderweitig legitimiert ist, lastet auf ihm viel Unsicherheit. Ihr Beitrag zeigt sich unter anderem in objektiv messbaren Fortschritten, wie die Lebenserwartung oder technologische Innovationen bei emissionsneutraler Energiegewinnung.

Fazit

Diese drei Typen der politischen Klasse können sich auch überlappen. So können Angehörige der Herkunftselite auch Stellungen besetzen oder Leistungen vollbringen. Doch auch die Stellungs- und Leistungselite kann Überschneidungen aufweisen. Aufgrund der Art der Aufgaben finden sich in der Leistungselite vor allem Kreative und Denker, während die Stellungselite eher von Bürokraten und Organisationsmenschen dominiert wird.

In populistischer Kritik an „denen da oben“ wird häufig „die Elite“ als Ganzes genannt, wobei meist ein einzelner dieser Teilbereiche gemeint ist. Teile der politischen Linken kritisieren häufig Personen, die aufgrund ihres vererbten Vermögens Einfluss ausüben, da der Besitz und das Weitervererben von Produktionsmitteln (Unternehmen) abgelehnt werden. Wirtschaftsliberale und Konservative richten sich hingegen eher gegen die anonyme Leistungselite, beispielsweise „die freien Wissenschaftler, Journalisten und Aktivisten“, da diese losgelöst von der Marktlogik agiert und sich nicht selten gegen diese richtet.

Mitwirkende
Clarify Wiki Author: Jorit Vásconez Gerlach Jorit Vásconez Gerlach
Selbst Mitwirken
Themen
Politik, Politische Theorie, Elitentheorie
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Diese Seite wurde zuletzt am 03. August 2025 um 13:24 Uhr bearbeitet.